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Die Popularität des Schwanks lässt sich kaum genug hoch einschätzen. Mit Hilfe der einschlägigen Verzeichnissen wurde errechnet, dass zB. in Deutschland während der Spielzeit 1880 bis 1930 mindestens 1250 abendfüllende Schwänke uraufgeführt worden sind. Der Schwank war ein internationales Phänomen. Die Beliebtheit dieser Gattung zeigt sich auch in ihrer Rezeption durch den Film. Unzählige Schwänke wurde verfilmt. Die Popularität hat sich bis heute erhalten. Im Hinblick auf die 1950er und 60er Jahre lässt sich sogar von einer Renaissance reden. Die Volkstheater haben ausgiebig auf die Schwänke zurückgegriffen. Boulevardtheater und viele andere Bühnen sind gefolgt. Auch das Fernsehen hat den Schwank entdeckt und ist ein fester Bestandteil des Programms.     




Der Schwank ist eine Gattung, die festen, relativ engen Regeln folgt. Aus der jeweiligen Variation des vorgegebenen Schemas resultiert die spezielle Qualität des einzelnen Stücks. Immer wieder spielen die Autoren auf komische Weise durch, wie in anscheinend wohlgeordneten familiären Zusammenhängen des bürgerlichen Milieus der Keim der Zerstörung einzubrechen droht und sich dann doch alles wieder beruhigt und in einem weitgehend harmonischen Finale endet. Die Präsentation im Rahmen von Verwicklungen, die zum Lachen animieren, besteht aus einem derartigen Kontrast, dass eine Versöhnung zwingend erforderlich ist. Die effektvoll kalkulierten Auf -und Abtritte der Figuren und einige andere Gattungskonstanten, wie die Neigung zum doppelbödigen Sprachwitz, begründen häufig das Motiv, das die Handlungsabläufe des Schwanks prägen.  Immer wieder halten die Figuren diejenigen, mit denen sie es zu tun bekommen, für andere, als sie sind. Die, auf dieser Basis entwickelte Kommunikation führt zu den aberwitzigsten Ergebnissen. Manchmal nur für  Augenblicke, manchmal über weite Bereiche des Geschehens.  Der Schwank lebt davon,  unter welchen Bedingungen und Umständen welche Personen die Szenen von wo aus wann und mit wem betritt. Der Begriff der Situationskomik besaß kaum je eine so große Berechtigung wie hier.  Der Schwank reduziert den Komplex auf die Verwechslung stabiler Größen. Handfeste Irrtümer, die sich entsprechend unzweideutig korrigieren lassen. So betrachtet erweist sich der Schwank mit seinen amüsanten Seiten als ein höchst aufschlussreiches Stück Kultur -und Literaturgeschichte ist. 




Die Regieanweisungen im Schwank fallen ähnlich umfangreich und detailliert aus wie in den naturalistischen Dramen. Das minutiös-exakte Fortschreiben der Handlung von einem Punkt zum nächsten ist in beiden Sparten anzutreffen. Auch der Fremde , der von außen bedrohlich in die heile Welt ein festgefügtes  gutbürgerlichen Milieu eindringt ist fast immer im Bühnenschwank wiederzufinden.




Mindestens einmal spielt fast jeder Schwank folgende Situation aus:  Ein Mann allein, manchmal auch gemeinsam mit einem Freund, tanzt und hüpft übermütig herum. Ein wohlgepflegter Bürger im bürgerlichen Wohnzimmer. Was sich da Luft macht ist gestaute, öffentlich verhohlene Freude auf etwas, das ihm bevorsteht oder über etwas, das er hinter sich gebracht hat. Überraschend kommt (s)eine Frau ins Zimmer. Der Ertappte ist zu sehr in Schwung, um innehalten zu können. Nach einer erstarrten Schrecksekunde steuert er sein Ungestüm in die physiognomische Gegenrichtung. Statt Lust soll sie Unlust ausdrücken, statt Mutwillen Nötigung. Etwa ein Hustenanfall, Magenkrämpfe, abwehren eines Insektes oder auffangen einer wertvollen Vase, die vom Schrank zu fallen droht. Ob ihm der Gestikulationsschwindel gelingt, ob er den weiblichen Eindringling täuschen kann, bleibt ihm indes ungewiss. Die Frau lässt sich nichts anmerken, weil sie selber eine Taktik verfolgt, die gleichfalls Tarnung nahe legt. Bei diesem Beispiel lässt sich erahnen, dass sich hier wiederstreitende Interessensfronten nach Geschlechtern formieren die einen Schwank in Gang hält.  Das macht den Schwank zum Perpetuum mobile. Ununterbrochene Bewegungen ziehen Gegenbewegungen nach sich, ohne zu einem Abschluss zu kommen. Denn der Endzustand gleicht nicht nur dem Anfangszustand, ihm fehlt auch die Endgültigkeit.  



Die Frauen wollen heraus finden, was die Männer heimlich treiben um zu verhindern, dass es an die Öffentlichkeit dringt. Aus dem gleichen Grund wollen die Männer verhindern, dass die Frauen es heraus kriegen, denn sie setzen den Richterspruch der Ehefrau gleich mit dem der Öffentlichkeit.  Die Geschlechtsfronten beziehen ihre dramaturgische und ideologische Formel aus dem Schema der bürgerlichen Familie, das fast jeder Schwank als unverzichtbare Spielgrundlage beansprucht. Hieraus entstehen immer die gleichen Streitigkeiten, und hierhin auch finden sie ihre immer gleichen Schlichtungen. Wenn die stereotypen Geschlechtsfronten des Schwanks weithin bis heute noch vom Publikum begrüßt werden, so deshalb, weil sie trotz Schematismus nicht aus der Luft gegriffen scheinen.  





Der Schwank verschafft dem Publikum Gelegenheit, über sich selber zu lachen ohne dass es schmerzt. Der Schwankheld wird in Situationen versetzt, die ihm über den Kopf wachsen. Dafür kann er nichts, sowenig wie das Publikum. Der Schwankheld übernimmt sich in Mut, Potenz, unerlaubten Verhalten. Losgelassen in überstürzender Situationskomik, schlagen die Umstände über ihm zusammen und scheuen ihn zurück in die Ausgangslage. Dafür kann er nichts. So wenig wie das Publikum. Die Umstände strafen ihn, aber nicht zu hart. Er bereut, aber nicht so sehr, dass er es beim nächsten Mal nicht wieder riskieren würde. Das Publikum leidet mit ihm mit, weil das Ausmaß seiner Lüste und Ängste so fratzenhaft erscheinen, dass man gerne glaubt, lachend sich davon lösen zu können. Das abweichende Ausmaß verleitet die Leute im Saal zum selbstschützenden Trugschluss, dann, wenn es am ärgsten hergeht, handle es sich um eine andere Welt. Das schadenfrohe Gelächter hallt dabei über die eigenen Schäden hinweg.  





© by Kaiser-Theater Daniel Kaiser/Dan Emperore 2007

 
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